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Eine verbotene Liebesbeziehung
Historische Entdeckung des Gemeindearchivs

105 Jahre verborgen – und doch nicht für immer verloren: Beim Abbruch des Harder Bahnhofs kamen Liebesbriefe zum Vorschein, die einst in einer Mauer versteckt worden waren. Die meisten beginnen mit den Worten „Mein inniggeliebtes Schätzle!“ und geben möglicherweise ein lange gehütetes Geheimnis preis.
Als der Harder Bahnhof vor fünf Jahren abgerissen wurde, machten Mitarbeiter der Abbruchfirma einen außergewöhnlichen Fund. In einer eingemauerten Nische entdeckten sie einen Stapel Briefe. Ein historisch interessierter Bahnmitarbeiter
erkannte deren möglichen Wert und übergab die Dokumente dem Gemeindearchiv Hard. Bereits damals vermutete er, dass es sich um Liebesbriefe handeln könnte.
Das rund 70 Briefe umfassende Konvolut ist in Kurrentschrift verfasst. Durch die Transkription der Schreiben erhielt die Lauteracher Gemeindearchivarin Christine Schurr einen beinahe voyeuristischen Einblick in die Gefühlswelt früherer Generationen. Am Ende ihrer Recherchen zeichnet sich insbesondere das Leben von A. deutlich ab. Über W. hingegen liegen bislang nur wenige und teilweise widersprüchliche Informationen vor. Hier sind weitere Nachforschungen erforderlich.
Leidenschaftliche Liebesbeweise
Was wir bereits wissen: Die Briefe wurden 1921 von einer Frau namens A. an ihren Geliebten W. geschrieben.
A. lebte und arbeitete in Feldkirch und war unverheiratet. Ihre Eltern sowie ihre Schwester mit deren Familie wohnten in Lauterach. W. war bei den Österreichischen
Bundesbahnen beschäftigt, zum Zeitpunkt des Briefwechsels Bahnhofsvorstand in Hard, wohnte im Unterland und war verheiratet. A. schrieb mit großer Leidenschaft. In nahezu jedem Brief bekannte sie sich zu ihrer Liebe. So schrieb sie am 16. November 1921: „Meine einzige, wirkliche, tieffühlende Liebe sie gehört für immer dir allein!“ In einem anderen Brief schrieb sie: „… fand aber lange keinen Schlaf. Die Sternlein leuchteten so schön in das Zimmer herein, ich übergab denselben, dir Grüße zu bringen, und dir zu sagen, wie sich ein armes Menschenkind nach seinen einzig Heißgeliebten sehnt.“ Auch W. dürfte ihr ähnlich innige Briefe geschrieben haben, denn A. bedankte sich wiederholt für seine Liebesschwüre. Zudem schickte er ihr regelmäßig Blumen und kleine Geschenke. Gelegentlich trafen sich die beiden zu
gemeinsamen Ausflügen und verbrachten auch Nächte miteinander.

Hoffnung auf gemeinsame Zukunft
Trotz der schwierigen Umstände gab A. die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft nicht auf. Sie schrieb am 20. Oktober 1921: „Aber die Hoffnung das Schicksal könnte
uns doch einmal zusammen führen gebe ich nicht auf, denn oft gibt es so ungeahnte Änderungen im Leben die gar nicht vorauszusehen sind. Dann würde ich Dir das Leben auf jede Art zu verschönern und zu erleichtern suchen durch meine Liebe und Aufopferung für Dich.“ An anderen Stellen klingen jedoch Zweifel und Resignation
durch. Dort bezeichnet sie ihren Wunsch nach einem gemeinsamen Leben als unerfüllbar.
Die Affäre fliegt auf
Schließlich nahm die Beziehung eine dramatische Wendung. Eines Tages fand ihr Schwager einen Brief von W., wodurch die Affäre ans Licht kam. Die Familie stellte A. vor eine harte Entscheidung: Sollte sie die Beziehung nicht sofort beenden, dürfe sie nicht mehr nach Hause kommen. Doch A. zeigte sich zunächst kämpferisch und schrieb W.: „… ich möchte zu jenen die mir dagegen sind sagen, nehmet mir alles, sogar mein Leben … nur eines lasset mir, mein Liebstes auf der Welt an das ich hänge, unzertrennlich!“ Wenig später erhielt I., die Ehefrau von W., einen Brief, vermutlich von einem Arbeitskollegen ihres Mannes, der sie über die Affäre informierte. In der Folge kam es zu einer Aussprache zwischen den beiden Frauen, die A. sehr erschütterte. In einem ihrer letzten Briefe an W. schrieb sie: „… deshalb glaube ich, müssen wir vorläufig abbrechen …. Das heißt äußerlich abbrechen, im Herzen bleibt es wie bisher für alle Zeiten.“
Der Briefwechsel endet abrupt. Recherchen ergaben, dass A. später nach Bozen zog. Sie hat dort geheiratet. Was aus W. wurde, ist bislang unbekannt. Möglicherweise wurde er von den Österreichischen Bundesbahn versetzt. Die Korrespondenz gewährt einen seltenen und bewegten Einblick in eine verbotene Liebesbeziehung, deren Intensität auch heute noch berührt. Obwohl A. ihrem größten Wunsch zeitweise nahe schien, denn W. sprach sogar von einer Scheidung, konnte sie es letztlich nicht mit ihren Gewissen vereinbaren, eine Familie zu zerstören. Mit ihrer Ursprungsfamilie hat sie sich wieder versöhnt.
Auf Wunsch der Nachfahren von A. hat das Gemeindearchiv die beteiligten Personen nur mit ihren Initialen genannt. Ein besonderer Dank gilt dem Großneffen und den Großnichten von A. für die zur Verfügung gestellten Fotografien und ihre wertvollen Auskünfte.
Nähere Infos zum Gemeindearchiv finden Sie hier.
Aus Datenschutzgründen werden die Namen der genannten Personen nur abgekürzt dargestellt.